Der Deutsche Ball in Shanghai zählt zu den Top-Adressen von Shanghai, bei dem sich nicht nur die deutsche Business-Elite trifft, sondern auch nach Herzenslust geschlemmt werden darf. Neben den Bossen der Lufthansa ins Salatbuffet greifen, mit dem Chef von Siemens genüsslich Champagner schlürfen, all das kann man beim Deutschen Ball. Dabei wird an nichts gespart. Natürlich auch nicht an der Aufmerksamkeit, was man sehr gut an den ausstaffierten Damen und Herren sehen konnte. Für Männer war der Smoking Pflicht und die Damen sollten sich nach Möglichkeit in schwarz oder weiß oder in einer Kombination aus beidem präsentieren. Nachdem ich von diesem Motto erst eine Woche vor der Veranstaltung per Zufall (Danke, mein Schatz!) erfahren hatte, gings noch schnell zum Stoffmarkt, damit auch ich in einem stilechten bodenlangen Abendkleid auflaufen konnte. Das Kleid war schnell gefunden und auch von einer sehr zuverlässigen Schneiderin fristgerecht fertiggestellt. Schwierig gestaltete sich allerdings die Suche nach Schuhen, denn wenn ich es noch nicht getan habe, wiederhole ich mich gern: In Shanghai wird niemand ein Paar Schuhe in Grüße 40 und darüber finden. NIEMAND! Und das kann einem wirklich den letzten Nerv rauben. Ich kann mich doch nun wirklich glücklich schätzen, mit Größe 40 keine zu großen Füße zu haben, aber ich werde tatsächlich von Verkäuferinnnen ausgelacht und schnellstens aus dem Laden bugsiert. Was ich als Westnase stets mit einem Kopfschütteln und Flüchen in deutscher Sprache quittiere. Und in diesem Fall auch leider mit einem Paar Schuhe in 39, die zwar schwarz und mit Absatz waren, mir aber auch die schlimmsten Fußschmerzen meines Lebens eingebracht haben. Nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich mir das NIE wieder antun werde, sondern lieber barfuß beim nächsten Ball erscheinen werde!
Aber nun zurück zum eigentlichen Thema: Der Ball begann um 19 h und pünktlich wie die Maurer standen Heiko, Conny und ich im feinsten Zwirn vor den Toren des Hyatt im Jin Mao Tower (ehemals höchstes Gebäude von Shanghai!), wurden von mehreren Chinesinnen mit einem Schild bewaffnet in die richtige Richtung wieder aus dem Hotel raus, über den Hof zu einem anderen Eingang geleitet, um dort endlich auf dem roten Teppich empfangen und vom Scheinwerferlicht geblendet zu werden. Wow, so muss sich ein Filmstar fühlen, was nicht unbedingt das schlechteste Gefühl ist. Nachdem wir den Auftritt der anderen Gäste genüsslich beobachten konnten, entschieden wir uns recht schnell für die Stretchlimousine im nächsten Jahr, damit unser Auftritt noch ein wenig glanzvoller ablaufen kann! Und dann kamen sie: die aufgespritzten Lippen, die vergrößerten Brüste, 20 Zentimeter Absätze.... Herrlich. Ein Fest für die Sinne und natürlich für uns Tratschtanten genau das Richtige. Weniger lustig fand ich allerdings, dass sich einige Damen nicht an das Motto hielten und wo kommen wir denn da hin, wenn auf der Einladung die Farbe für das Kleid vorgegeben ist und einige dann doch in Knallrot oder Hellblau kommen? Ich hätte nämlich auch lieber die Farbe rot gewählt, hab mich aber brav an die Vorgaben gehalten. Das zeigt mal wieder, wie weit man es bringt, wenn man sich an die Richtlinien hält. Jedenfalls in dem Fall nicht in die erste Reihe beim Fotowettbewerb!
Im Gebäude selbst gab es dann Sekt und Fotos vor der Fotowand samt Unterschrift auf der Gästewand! Im Anschluss daran wurden wir in die Ballsäle entlassen, derer Zahl zwei vorhanden waren. Unser Tisch bot einen fantastischen Anblick und ließ einiges erwarten. Da Heiko und ich extra Tanzunterricht bei meiner WG-Mitbewohnerin Conny genommen hatten, freuten wir uns natürlich sehr auf den Walzer, aber den gab´s leider nur zur Begrüßung durch die Sponsoren. Danach spielte die Band sofort moderne Musik, ABBA Sings, Queen etc. und vorbei war´s mit der Freude auf gediegene tänzerische Einlagen.
Wir hatten aber dennoch viel Spaß und der setzte sich mit der Eröffnung des Buffets fort. Es gab alles, was man sich vorstellen kann und da Heiko und ich Genießer par excellence sind, ließen wir uns es mit Champagner, Kaviar, Austern, Lachs, Lamm und herrlichen Nachspeisen so richtig gut gehen. Es war ein Gaumenschmaus! Das Glas war nie leer, Weißwein und Rotwein in sehr köstlicher Geschmacksauswahl, Wasser, Kaffee… Ach, ich schwärme immer noch. Leider ist der Magen nie so groß wie die Auswahl und da ich auch nach dem Essen noch in mein Kleid passen wollte, hielt ich es mit dem Nachschlag in Grenzen. Nach dem letzten Bier für die Herren um zwei und einem kleinen Quichetörtchen für mich machten wir uns auf den Heimweg. Gaanz langsam versteht sich, denn meine Schuhe schnürten nunmehr auch die Ferse ab.
Es war ein wundervoller Abend und er sollte unbedingt wiederholt werden. Nicht nur wegen des Essens, sondern wegen der Möglichkeit, es sich gediegen und mit voller Inbrunst so richtig gut gehen zu lassen. Hatte ich schon erwähnt, dass es von Eltern nur so wimmelte? Nein? Nun ja, das kann man sich denken. Aber noch schöner ist es doch, wenn einen die Eltern nicht erkennen. Vielleicht lag´s an der eleganten Abendgarderobe, die ich selten in der Schule trage. Deutscher Ball, wir kommen wieder! Ganz bestimmt im nächsten Jahr.
